
Im Juni 2008 wurde das Tom Tits Experiment nach einem grossen Umbau mit 250 neuen Exponaten feierlich in Anwesenheit des schwedischen Königspaares neu eröffnet. Mit über 600 Exponaten und Experimentierstationen ist es eines der grössten Science Center in Europa. 2006 erhielt es den Micheletti Preis des European Museum Forum für das vielversprechendste Technikmuseum. Der gestiegene Marktwert spiegelt sich auch in den relativ hohen Eintrittspreisen wieder. Ein Erwachsener zahlt 195 Kronen für den Eintritt (gut 33 CHF), ein Kind zwischen 3 und 17 Jahren 145 Kronen (24 CHF).
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Tom Tits Experiment ist in mancherlei Hinsicht besonders. Es beginnt schon mit dem merkwürdig Englisch klingenden Namen für das 30 Kilometer westlich von Stockholm gelegene Science Center. Tom Tit war das Pseudonym des Autors Arthur Good, der in den 1880er Jahren in der Pariser Wochenzeitschrift L’Illustration eine Serie von Artikeln mit einfachen physikalischen Experimenten veröffentlicht hatte. Obwohl auch für jugendliches Publikum bestimmt, wurden sie so beliebt, dass ihre Präsentation zum Bestandteil gesellschaftlicher Anlässe wurde. 1890 erschien eine Sammlung dieser Artikel mit wundervollen Stichen des Illustrators Louis Poyet unter dem Namen “La Science Amusante”. 1889 erschien die schwedische Übersetzung und erreichte eine gewisse Popularität im Land, zumindest war sie so gross, dass man noch 100 Jahre später das Science Center “Tom Tits Experiment” nennen konnte.
Tom Tits Experiment nutzt die alten Fabrikhallen einer Zentrifugenfabrik für Milch-Sahne Separatoren, die um 1900 der grösste Arbeitgeber Södertäljes war. Das Science Center wird von der Gemeinde Södertälje und dem kommunalen Unternehmen Telge AB geführt. Södertälje erlangte 2008 internationale Bekanntheit, nachdem sein Bürgermeister in einer Rede vor einer Kommission des US Kongresses darauf hinwies, dass seine Stadt mehr Kriegsflüchtlinge aus dem Irak aufgenommen hatte als ganz Nordamerika zusammen.
Weit sichtbar über dem alten Fabrikgebäude schwebt ein Fesselballon, der den Besuchern einen Rundblick bis nach Stockholm ermöglicht.
Der Ausstellungskatalog ist eine weitere Besonderheit vom Tom Tits. Jeder Besucher erhält diese bebilderte Aufzählung sämtlicher 610 Exponate mit Beschreibungen beim Kauf der Eintrittskarten (und dies erklärt wohl auch einen Teil des hohen Eintrittspreises). Der Katalog ist ein wunderbares Souvenir. Aber gleichzeitig auch eine Schwäche des Konzepts, denn ohne Katalog ist man oft aufgeschmissen, weiss nicht, was man genau tun kann und welches Phänomen sich hinter dem Experiment verbirgt. So muss man immer mit dem Katalog in einer Hand durch das Haus und nach den kleinen Plaketten mit Nummern und Namen des Exponats Ausschau halten, um die Beschreibung zu finden. Im Katalog sind 610 Exponate gelistet, darunter finden sich aber auch die rückwärts laufende Uhr im Café, die tote langsam verwesende Taube im Park und etwa 60 Einzelbilder mit optischen Illusionen. Zum Teil werden auch Einzelteile wie Arm-, Achsel-, Fuss-, Knie- und Hüftgelenk separat aufgezählt. Daher ist die in diesem Beitrag aufgeführte Zahl der Exponate etwas geringer geschätzt, zumal einige zwar im Katalog erwähnt sind, im Sommer 2008 aber noch nicht realisiert wurden.
Leider ist der Katalog mit den Beschreibungen nur in Schwedisch erhältlich. Lediglich die Namen der Exponate sind auf den Plaketten in Schwedisch und Englisch beschriftet.
Die dritte Besonderheit ist die spezielle Atmosphäre des 1987 eröffneten Science Centers. Über weite Strecken fühlt man sich wie in die Werkstatt der Exponatebauer versetzt, manches scheint noch nicht fertig zu sein und erinnert eher an einen Prototypen des Exponats. Doch der Eindruck täuscht, die Anmutung des Selbstgemachten, nie wirklich Vollendeten ist hier Progamm. Die aus Holz und Metall mit einfachen Mitteln zusammengebauten Experimente sind oft etwas kleiner und wackeliger als ihre Pendants in den anderen Science Centern, entfalten dadurch in den alten Fabrikhallen aus rotem Backstein aber auch einen besonderen Charme. Vermutlich sind Reparaturen bei diesem Baustil auch einfacher durchzuführen?
Eine Scania-Zugmaschine samt Antriebsmotor steht als modernes chromblitzendes Gefährt des aus der Region stammenden LKW-Produzenten im Raum, aber ihre Funktionsweise wird durch Alltagsgegenstände wie Kerzenanzünder, Duftzerstäuber und Rührbesen erklärt und so wieder dem Stil des Hauses angepasst. Für den Bau der Exponate wurde auch auf alte Geräte und Möbel zurückgegriffen, die man phantasievoll in den Bau der Exponate integriert. So finden sich die Röntgenaufnahmen vom Menschen auf alten Schreibkontormöbeln mit seitlichen Glasscheiben, verschiedene alte Stühle dienen als Sitzgelegenheit, die Holzplatten der Tische werden oft vom Unterbau alter Singer Nähmaschinen gestützt und Bildschirme stehen in alten Regalen.
In der scheinbar improvisierten Atmosphäre wurde auch High-Tech verbaut. So finden sich interaktive Videoprojektionen wie das auf den Boden projizierte Aquarium, deren Fische vor den Füssen der Besucher fliehen oder die interaktive Tanzsimulation, bei der man Mustern auf dem Boden synchron zur Musik folgen muss.
Auch im zweiten Stock begegnet man moderner Innenausstattung, z.B. in der Chemieküche den vier Küchenblöcken zum Experimentieren oder den 8 Werkbänken in der Werkstatt, in der man sein eigenes Boot bauen kann. Die Bestuhlung des Vortragssaals folgt dem auf den Boden aufgedruckten Periodensystem und jeder Stuhl trägt den Namen des jeweiligen Elements und in die Rückenlehne integriert Informationen dazu. Wie im Heureka in Helsinki gibt es auch hier eine Ratten-Show, bei der die Ratten einen Hindernisparcours aus Holzelementen überwinden müssen.
Im grossen hölzernen Dachstuhl wird es wieder rustikaler. Die Seitenwände bestehen aus den alten unverkleideten Ziegelsteinen und unter den schrägen Dächern sind Tische aus Holz mit zahlreichen Experimenten zur Sinnesphysiologie und Biologie des Menschen aufgestellt. In einem der zwei Säle ist der Kronleuchter aus Plastik-Knochen angefertigt. In der grossen Rutsche geht es optional vom dritten Stück zurück in das Erdgeschoss.
Der Park rund um das Gebäude steckt voller Entdeckungsmöglichkeiten. Zahlreiche Wasserspiele wie die mit Füssen gesteuerten Wasserfontänen und der handangetriebene Geysir, das Labyrinth, das Boyo, die Wasserrakete, das Windgebläse, der Goldwaschbach und die Erdbebenrüttelkammer sorgen für interessantes Kurzweil. In Schweden darf die Linné- Blumenuhr natürlich nicht fehlen, die mit ihren spezifischen Öffnungs- und Schliessungszeiten von Blüten verschiedener Pflanzen die Tageszeit verrät. Drei veritable Jahrmarktattraktionen stellen den Gleichgewichtssinn auf die Probe: ein Roboterarm namens Robocoaster, der jeweils 2 Personen in allen möglichen Bewegungsachsen in der Luft durchschüttelt, der Rotor, der die Gäste an seine rotierenden Wände presst und der “Freie Fall”, der seine Fahrgäste einfach aus 15 Meter Höhe fallen und die Erdbeschleunigung am eigenen Leib erfahren lässt.






