“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ 

Ludwig Wittgenstein

Wissenschaft einem nicht-wissenschaftlichen Publikum nahe zu bringen, ist eine Fähigkeit, die leider in den Lehrzielen vieler Universitäten fehlt. Viel zu schnell unterhält sich der Spezialist mit seinem Fachchinesisch nur noch mit den wenigen anderen Spezialisten, die dieser Sprache mächtig sind. Dabei sollte ein Wissenschafter seine oder ihre Arbeit auch allgemeinverständlich einem breiten Publikum präsentieren können,

  • um der Bevölkerung eine überzeugende Erklärung für die Verwendung ihrer Steuergelder zu geben,
  • um die Relevanz der Forschung für die Gesellschaft aufzuzeigen,
  • um die Gesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion zu involvieren, da sie letztlich über die Akzeptanz neuer Technologien entscheidet,
  • und um in der Auseinandersetzung mit dem Publikum und seinen Fragen den eigenen Horizont zu erweitern.

Schon der Versuch, die eigenen Arbeiten allgemeinverständlich aufzubereiten, zwingt einen zum Gebrauch eines anderen Vokabulars und einer Veranschaulichung der Forschung, die die Erfahrungen des Publikums berücksichtigt.  Wie der Philosoph Wittgenstein bemerkte, sind die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt. 

Der vom British Council durchgeführte FameLab Wettbewerb sucht Wissenschafter, die diese Grenzen überwinden wollen, um allen Menschen Wissenschaft nahe zu bringen. Die Teilnehmer des Wettbewerbs erhalten ein Wochenendtraining, um ihre Vortragstechnik und Bühnenpräsenz zu verbessern.

In 9 anderen Länder gab es bereits Wettbewerbe und das Cheltenham Science Festival war dieses Jahr Austragungsort der ersten internationalen FameLab Ausscheidung. Jeder Teilnehmer hat äusserst knapp bemessene 3 Minuten, um sein Forschungsgebiet und dessen Bedeutung vorzustellen. Ein Gong unterbricht die Präsentation abrupt. Wie die grossen Vorbilder der TV Shows vergibt eine vierköpfige Jury Punkte und kommentiert den Vortrag. Das Publikum wählt ebenfalls einen Favoriten.

Der diesjährige Gewinner Marko Kosicek kommt aus Kroatien und hat Jury wie Publikum gleichermassen mit dem “attraktiven” Thema Partnerwahl und  Pheromone und einer begeisternden Präsentation überzeugt. Mit den Worten “Love is about chemistry, sex is about physics”  stellte er als Chemiker sein Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Liebe in den Vordergrund, erklärte charmant an einem Gehirnmodell, wie bestimmte Pheromone mutmasslich die Bereiche für Skepsis, Kritik und Rationalität blockieren und mit dem abschliessenden Gedicht

“Roses are red,
Violets are blue,
and neuropeptides are nuts about you!”

hatte er wohlverdient den Wettbewerb für sich entschieden.

Bernhard Weingartner  aus Österreich
stellte mit Hilfe eines Kontrabass und einigen Perlen das Phänomen der singenden Dünen vor. Auf der Rückseite lässt er die Perlen über das Holz rollen, auf der Vorderseite spielt er mit einem Bogen den brummenden Ton einer singenden Düne nach. 

Aziz Shahhuseynov aus Aserbaidschan
fragte das britische Publikum keck, ob ihnen David Beckham ein Begriff sei, um dann mit Gebläse, Toilettenpapier und einem Ball den Bernoulli Effekt und den seitlichen Spin der von Beckham geschossenen Bälle zu erklären. Grosse Präsenz auf der Bühne und guter Kontakt zum Publikum aber es wirkt etwas improvisiert.

Venelin Kozhuharov aus Bulgarien
gab ohne Hilfsmittel eine kurze Einführung in die uns umgebenden Teilchen und deren Physik, um auf die Schwarze Materie überzuleiten, was aber wenig erhellend blieb.

Victor Popscu aus Rumänien
trat mit schwarzem Anzug und Hut auf, in der Pose eines Gangsters aus den 1930er Jahren, schnippte mit den Fingern und erklärte kurz Single Touch und Multitouch Interfaces und zog sein iPhone aus der Tasche. Aber die Präsentation und die Aussage, das es mehr Multitouch Interfaces geben wird, war wenig überraschend.

Olympia Agalioti aus Griechenland
machte das Krankheitsbild einer “Hemispheric Hydranencephaly”  sichtbar: Das Fehlen einer kompletten Gehirnhälfte, an deren Stelle Flüssigkeit getreten ist und der erstaunliche Umstand, dass einige wenige Patienten trotz dieser erheblichen Beeinträchtigung ein einigermassen normales Leben führen können.

Adi Yaniv aus Israel
feierte heute Ihren Geburtstag und verriet ihren Wunsch nach einem Partner, der ihr treu bleibt. Sie stellte das Hormon Vasopressin vor, das in Wühlmäusen die Bildung monogamer Beziehungen begünstigt. Auf den Menschen übertragen und einfach zusammengefasst lautete Ihre These: “Diamonds are forever but vasopressin makes for a more loyal male”.

Tijana Prodanovic aus Serbien
gelang ohne Hilfsmitteln aber mit mitreissendem Vortragsstil und Begeisterung eine Einführung in den Sonnenwind und das Phänomen Polarlicht. Auch seine Zuhörer in Cheltenham könnten 2-3 Tage nach der Nachricht über verstärkte Sonnenstürme mit etwas Glück Polarlicht über ihrer Stadt sehen. Er kommt auf den 2. Platz.

Deniz Demiryurek aus der Türkei
hat als sympathischer Gewinner im türkischen Wettbewerb, den 1/4 aller Zuschauer im Fernsehen verfolgt haben, eine gewisse Berühmtheit erlangt. Er stellte mit Magenmodellen und einigen gegenständlichen Darstellungen routiniert das Krankheitsbild Reflux und mögliche Behandlungsweisen vor.

Nicholas Harrigan aus Grossbritannien
trat als letztjähriger Gewinner des britischen FameLab Wettbewerbs vor heimischem Publikum auf und erlangte mit seinem von Spiderman inspirierten Vortrag über die Adhäsionskräfte von Spinnenfüssen den dritten Platz. Genoppte Schaumstoffplatten nutzte er als Visualisierung der rauen Oberflächen der meisten Materialien, auf denen aufgrund der molekularen Anziehungskräfte und der grossen Oberfläche der Spinnenfüsse eine Haftung möglich wird.

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